WAS IST DYSFUNKTIONALE ATMUNG?
Wenn die Lunge gesund ist, aber der Atem trotzdem nicht optimal arbeitet
Viele Menschen sind überrascht, wenn sie zum ersten Mal hören, dass man eine vollkommen gesunde Lunge haben und trotzdem ein ungünstiges Atemmuster entwickeln kann.
Denn wir haben gelernt, die Atmung vor allem mit der Lunge zu verbinden. Solange die Untersuchung beim Arzt unauffällig ist, die Lungenfunktion gut aussieht und keine Diagnose wie Asthma oder COPD im Raum steht, scheint das Thema Atmung erledigt zu sein. Doch Atmung ist mehr als die Gesundheit unserer Lunge.
Sie ist ein erlerntes und anpassungsfähiges Muster, das sich durch unser gesamtes Leben entwickelt. So wie wir bestimmte Bewegungsabläufe, Körperhaltungen oder Gewohnheiten übernehmen, kann sich auch unsere Art zu atmen durch verschiedene Einflüsse verändern. Genau hier beginnt das Thema der dysfunktionalen Atmung.
Dysfunktionale Atmung beschreibt ein Atemmuster, das den Körper nicht mehr möglichst effizient unterstützt. Dabei geht es nicht darum, dass eine Person „falsch“ atmet oder etwas kaputt ist. Vielmehr hat sich ein Atemverhalten entwickelt, das in bestimmten Situationen vielleicht einmal sinnvoll war, langfristig aber nicht mehr optimal zu den Anforderungen des Alltags passt.
Ein einfaches Beispiel: Wenn wir erschrecken oder eine stressige Situation erleben, reagiert unser Körper automatisch. Die Atmung wird schneller, flacher und bereitet uns darauf vor, aufmerksam zu sein und Leistung zu erbringen. Dieses Atemmuster ist in diesem Moment nicht schlecht – im Gegenteil: Es ist eine intelligente Überlebensreaktion.
Problematisch wird es erst dann, wenn der Körper nach der Belastung nicht mehr vollständig in den Ruhemodus zurückfindet und bestimmte Atemmuster dauerhaft bestehen bleiben. Und genau deshalb ist dysfunktionale Atmung so interessant. Es geht nicht um einzelne Atemzüge. Es geht um die Gewohnheiten, die sich über tausende Atemzüge pro Tag entwickeln.
Die gute Nachricht ist: Was der Körper gelernt hat, kann er auch wieder verändern.
Bevor wir jedoch darüber sprechen, wie sich Atemmuster verbessern lassen, lohnt es sich zu verstehen, wie es überhaupt zu einer dysfunktionalen Atmung kommen kann.
Wie entsteht ein dysfunktionales Atemmuster?
Unsere Atmung ist unglaublich anpassungsfähig. Genau das ist eigentlich eine ihrer grössten Stärken. Sie kann innerhalb von Sekunden auf eine Belastung reagieren, uns bei körperlicher Anstrengung unterstützen oder uns auf eine herausfordernde Situation vorbereiten.
Doch genau diese Fähigkeit zur Anpassung kann dazu führen, dass sich mit der Zeit ungünstige Atemgewohnheiten entwickeln.
Ein dysfunktionales Atemmuster entsteht selten von einem Tag auf den anderen. Es ist meistens das Ergebnis vieler kleiner Einflüsse, die sich über Monate oder Jahre auf unsere Atmung auswirken können.
Ein häufiger Faktor ist langanhaltender Stress. Wenn unser Körper über längere Zeit das Gefühl hat, ständig aufmerksam und leistungsbereit sein zu müssen, kann sich auch die Atmung dauerhaft verändern. Ein Atemmuster, das ursprünglich für eine kurze Belastung gedacht war, kann zur neuen Gewohnheit werden.
Doch Stress ist längst nicht der einzige mögliche Auslöser. Auch Angstzustände, Schmerzen, Verletzungen, Operationen, chronische Erkrankungen der Atemwege, Allergien, eine dauerhaft verstopfte Nase oder sogar jahrelange Gewohnheiten können beeinflussen, wie wir atmen.
Auch unser moderner Alltag spielt dabei eine Rolle. Stundenlange Bildschirmarbeit, hohe Konzentration, wenig Bewegung oder eine dauerhaft angespannte Körperhaltung können dazu beitragen, dass wir uns von einer entspannten und natürlichen Atemmechanik entfernen. Manche Menschen halten beim Arbeiten regelmässig unbewusst den Atem an, andere seufzen häufig oder entwickeln ein Muster, bei dem sie ständig das Gefühl haben, mehr Luft holen zu müssen.
Das Faszinierende dabei ist: Der Körper tut das nicht, um uns zu ärgern. Er versucht immer, eine Lösung für die Situation zu finden, in der wir uns gerade befinden.
Ein Atemmuster, das in einer bestimmten Lebensphase hilfreich war, kann jedoch später zu einer Gewohnheit werden, obwohl die ursprüngliche Belastung längst nicht mehr besteht.
Genau deshalb ist es so wichtig, dysfunktionale Atmung nicht als „falsches Atmen“ zu betrachten. Es ist keine Frage von Schuld, mangelnder Disziplin oder davon, dass jemand etwas nicht richtig gemacht hat. Viel spannender ist die Frage: Wie zeigt sich ein solches Atemmuster eigentlich im Alltag?
Woran erkennst du ein dysfunktionales Atemmuster?
Dysfunktionale Atmung zeigt sich nicht immer offensichtlich. Viele Menschen erwarten Atemprobleme vor allem in Form von schwerer Luftnot oder dem Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Doch ein ungünstiges Atemmuster kann sich oft viel subtiler im Alltag bemerkbar machen.
Wichtig dabei: Ein einzelnes Anzeichen bedeutet nicht automatisch, dass eine dysfunktionale Atmung vorliegt. Jeder Mensch seufzt einmal, atmet in einer Stresssituation schneller oder hält kurz den Atem an, wenn er sich konzentriert. Entscheidend ist, ob sich bestimmte Muster regelmässig zeigen und über längere Zeit bestehen bleiben.
Ein häufiges Zeichen ist eine überwiegende Mundatmung im Alltag oder während des Schlafs. Unsere Nase ist der natürliche Eingang der Atmung. Wenn der Körper dauerhaft auf die Mundatmung ausweicht, kann das ein Hinweis darauf sein, dass die Atemfunktion näher betrachtet werden sollte.
Auch ein häufiges Bedürfnis nach tiefen Atemzügen, regelmässiges Seufzen oder das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können, sind typische Beschwerden, über die Menschen mit einem ungünstigen Atemmuster berichten. Paradoxerweise steckt dahinter nicht zwingend ein Mangel an Luft, sondern häufig eine veränderte Regulation der Atmung.
Ein weiterer Hinweis kann eine auffällige Atemmechanik sein. Menschen mit dysfunktionaler Atmung nutzen oft vermehrt die oberen Atemhilfsmuskeln im Bereich von Hals und Schultern. Dies kann dazu führen, dass sich die Schultern bei der Atmung stark bewegen oder ein Gefühl von Spannung im Nacken- und Schulterbereich entsteht.
Auch die Fähigkeit, nach Belastung wieder in einen ruhigen Zustand zurückzufinden, kann ein wichtiger Hinweis sein. Manche Menschen haben das Gefühl, dauerhaft „unter Strom“ zu stehen, schlecht abschalten zu können oder selbst in Ruhephasen nicht wirklich zur Erholung zu finden. Die Atmung ist dabei nicht zwangsläufig die einzige Ursache, sie kann jedoch ein Teil dieses komplexen Zusammenspiels sein.
Weitere mögliche Hinweise können ein unruhiger Schlaf, häufiges Aufwachen mit trockenem Mund, Konzentrationsprobleme, eine geringe Belastungstoleranz oder ein Gefühl schneller Erschöpfung sein.
Das bedeutet nicht, dass hinter all diesen Beschwerden automatisch die Atmung steckt. Der menschliche Körper ist komplex und viele Faktoren können ähnliche Symptome verursachen. Genau deshalb geht es bei der funktionellen Atmung nicht darum, möglichst viele Punkte auf einer Liste abzuhaken.
Dysfunktionale Atmung ist keine Diagnose. Sie beschreibt ein Muster.
Es geht darum, Muster zu erkennen. Denn erst wenn wir verstehen, wie unser Atem im Alltag arbeitet, können wir beurteilen, ob er uns optimal unterstützt oder ob es Bereiche gibt, die wir verbessern können.