Warum viele Pranayama‑ und Breathwork‑Techniken unserer Zeit nicht gerecht werden – und was unser Lebensstil damit zu tun hat

Veröffentlicht am 14. Juli 2026 um 18:17

Ein persönlicher Einstieg

Es war ein Donnerstagabend im November 2025, an dem sich mein Leben in einen anderen Takt verschoben hat.

Ich war wie so oft als Buschauffeuse unterwegs, im Alltag meiner Arbeit. Ein Fahrgast, offensichtlich unter Drogen und Alkohol, fuhr schon eine Weile mit. Ich wusste, dass der Sicherheitsdienst bald da sein würde, aber zwei Haltestellen vorher kam jemand nach vorne und sagte, da sei ein Mann mit Messer, der Sitze aufschlitze.

Ich musste reagieren. An besagter Haltestelle sind die meisten Fahrgäste ausgestiegen und so war mein Bus fast leer – bis auf drei Fahrgäste plus den Mann mit dem Messer. Als er bemerkte, dass ich die Leitstelle anfunkte, kippte etwas. Er wollte zu mir in die Führerkabine, versuchte das Glas zu überwinden, wollte es einschlagen. Er war ausser sich und scheinbar im Wahn.

Mir blieb nichts anderes übrig: Ich musste den Bus mitten auf der Strecke evakuieren – die restlichen Fahrgäste rausbringen, während er mir selbst den Weg blockierte und ich nicht sofort zur Fahrerkabine hinaus kam.

Ich blieb äusserlich funktional – es ging ja zum Glück alles gut und niemand wurde verletzt. Ich arbeitete nach dem Vorfall weiter, manövriert durch Tage, als wäre alles normal. Bis etwa drei Wochen später beim Manövrieren im Busdepot ein Blackout kam. Plötzlich war da nicht mehr nur Erschöpfung, sondern eine ganz reale Überforderung meines Nervensystems. Ich war dünnhäutig, überreizt, bekam Beruhigungstabletten, eine Verordnung für psychiatrische Hilfe – mit einem ersten Termin in sechs Monaten.

Sechs Monate.
Mit einem Körper, der sich anfühlte, als wäre er im Daueralarm.
Mit einem Nervensystem, das nirgends mehr zur Ruhe fand.

Dann kam Ende Februar der Sehnenanriss in der Schulter, der mich körperlich ausbremste. Ich groundete komplett, aber innerlich blieb ich „neben den Schuhen“. Anfang März passierte die Postauto‑Katastrophe in Kerzers – ein Fahrgast zündete sich selbst an und riss Menschen mit in den Tod. Ich kenne den Ort, die Tochter eines Arbeitskollegen war betroffen. Plötzlich schien alles rund um mich irgendwie nur noch gefährlich.

In dieser Zeit passierte etwas Konkretes:
Mein Zwerchfell versagte.
Mein Atemmuster, ohnehin dysfunktional, rutschte endgültig in die Krise. Ich fühlte mich nirgends mehr sicher, nicht im Körper, nicht im Alltag. Es war unmöglich, weiter zu funktionieren wie vorher.

Und da ich wusste, dass psychische Hilfe auf sich warten lassen würde, blieb mir irgendwann nur noch eines: hinzuschauen, wo ich überhaupt noch direkten Einfluss hatte. Mein Atem zeigte mir deutlich, dass es einfach zu viel war – aber was könnte mir helfen?

Pranayama‑Techniken aus meiner Yogaausbildung? Mit diesen habe ich in der Vergangenheit nicht wirklich gute Erfahrungen gemacht. Also stöberte ich durch mein Bücherregal zu Hause – da muss doch irgendetwas sein, was mir Abhilfe verschafft.

Und tatsächlich: Da stand schon seit Monaten ganz unauffällig ein Buch, das ich immer mal „später“ lesen wollte: „Atem“ von Ralph Skuban. In dieser äussersten Not nahm ich es endlich zur Hand. Ralph Skuban, der sich sowohl mit Pranayama als auch mit anderen Atemtechniken beschäftigt, wurde in diesen Tagen zu einer Art leiser Begleiter.

Ich las und stiess auf die Buteyko‑Methode. Ich probierte erste Übungen – und zum ersten Mal seit Wochen erlebte ich Erleichterung. Keine grosse Transformation, keine sofortige Heilung, aber eine kleine, spürbare Änderung: Mein Atem wurde ruhiger, mein Nervensystem einen Hauch weniger alarmiert – und ich begann langsam zu verstehen, weshalb die gängigen Pranayama‑Techniken mir zeitlebens immer etwas Mühe bereiteten. Buteyko – der Name und die Technik liessen mich nicht mehr los.

Ich machte mich auf die Suche nach Menschen, die diese Arbeit vertieft vermitteln. So landete ich schlussendlich bei Patrick McKeown, einem der bekanntesten Schüler von Konstantin Buteyko. Seine Herangehensweise – funktionelle Atmung, Nasenatmung, CO₂‑Toleranz, Nervensystemregulation – war für mich wie ein Schlüssel in ein Schloss, von dem ich vorher nicht wusste, dass ich es in mir trage.

Und genau aufgrund dieser Grenzerfahrung wurde mir mit aller Klarheit bewusst:
Ein ohnehin gestresster Körper und ein Nervensystem im Daueralarm dürfen nicht mit noch mehr befeuernder Atmung „therapiert“ werden.

Mein ganzes Verständnis von Atmung, Pranayama und Nervensystem hat sich verändert. Mein TCM‑Therapeut hatte mich vermutlich seit Jahren behutsam darauf hingewiesen, dass ich zu viel „Feuer“ im System habe. Aber erst dieser Vorfall hat mir die Augen so weit geöffnet, dass ich wirklich verstanden habe, wovon er sprach.

Ich wage zu behaupten: Ohne diese Kehrtwende würde ich heute wahrscheinlich immer noch vor mich hinwursteln und glauben, man müsse den Atem einfach „noch intensiver“ machen, damit sich etwas bewegt.

Die Wende: funktionelle Atmung statt Feuer

Als ich durch diese Not auf Buteyko‑Atmung und später auf Oxygen Advantage gestossen bin, war das wie eine Offenbarung – nicht als esoterisches Versprechen, sondern als sehr bodenständige Anatomie‑ und Nervensystemarbeit.

Zum ersten Mal stand nicht „noch mehr Atem“, „noch mehr Energie“, „noch intensiver“ im Zentrum, sondern ganz einfache Fragen:

  • Atme ich durch die Nase oder durch den Mund?

  • Nutzt mein Körper das Zwerchfell oder hauptsächlich die Brustmuskulatur?

  • Wie laut ist mein Atem, wenn ich einfach nur sitze oder gehe?

  • Wie schnell atme ich im Alltag?

  • Wie hoch ist meine CO₂‑Toleranz – und wie reagiert mein Nervensystem darauf?

Oxygen Advantage brachte eine völlig neue Logik in meine Welt: ruhige, leise, funktionelle Atmung als Basis für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und psychische Stabilität. Kein Rausch, kein Spektakel – dafür ein Atem, der mich im Alltag wirklich trägt.

Rückblickend wurde mir klar: Die alten Pranayama‑Techniken der Yogis hatten durchaus ihre Berechtigung. Sie entstanden in Kontexten, in denen Menschen über Jahre hinweg in Meditation, Askese, innerer Zentrierung und stiller Praxis verankert waren. Feuertechniken wurden dort auf einen bereits tief regulierten Boden gelegt.

Wenn ich heute auf unsere westliche Lebensrealität schaue, sehe ich etwas ganz anderes.

Unsere Gesellschaft: Dauerstress als Normalzustand

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen vom frühen Morgen bis spät in die Nacht im Überlebensmodus unterwegs sind.

Leistungsdruck, digitale Dauerbeschallung, Multitasking, emotionale Belastungen, strukturelle Unsicherheit – all das ist nicht punktuell, sondern chronisch geworden. Der Sympathikus, unser „Fight‑or‑Flight“, ist für viele kein Notfallprogramm mehr, sondern Dauerzustand.

Die physiologischen Folgen sind gut nachvollziehbar:

  • erhöhter Sympathikustonus

  • flache oder beschleunigte Atemmuster

  • häufige Mundatmung

  • chronische Überatmung im Alltag

  • Schlafprobleme, Erschöpfung, Angstzustände

Auf ein solches Nervensystem dann mit intensiven Feuer‑Pranayamas oder hyperventilierender Breathwork „draufzutrommeln“, erscheint mir heute immer weniger sinnvoll. Nicht, weil diese Techniken grundsätzlich falsch sind, sondern weil sie auf einen Boden treffen, für den sie ursprünglich nicht gedacht waren.

Was bei Hyperventilation im Körper passiert

Vielleicht kennst du das:
Du machst eine intensive Atemsession.
Zuerst fühlst du dich wach, kraftvoll.
Dann wird dir schwindlig. Deine Hände beginnen zu kribbeln. Im Kopf ist es, als würde jemand Watte ausbreiten. Irgendwo zwischen Weite und „gleich kippt es“.

Das ist nicht „dein Kopf, der spinnt“. Es ist dein Körper, der sehr präzise reagiert.

Wenn wir grosse Atemvolumina mit hohem Tempo kombinieren, passiert physiologisch einiges:

  • Wir atmen übermässig CO₂ ab. Der CO₂‑Spiegel im Blut sinkt.

  • Weniger CO₂ erhöht den pH‑Wert, das Blut wird alkalischer – für den Körper kein Wellness‑Signal, sondern ein Alarm.

  • Die Gefässe, auch im Gehirn, verengen sich. Die Durchblutung nimmt ab. Schwindel, Druckgefühl, „Watte im Kopf“, Kribbeln, Tetanie sind typische Begleiterscheinungen.

  • Das Blut ist oft sehr gut mit Sauerstoff gesättigt, aber der Sauerstoff wird schlechter in die Gewebe abgegeben. Die Zellen „hungern“, obwohl das Blut voll ist – ein paradoxes Gefühl von „keine Luft bekommen“.

Die Kombination aus veränderten Blutgasen, zerebraler Minderdurchblutung und intensiven Körperempfindungen kann starke Emotionen, Angst, Panik oder Trance‑ähnliche Zustände auslösen. Genau hier setzen viele intensive Breathwork‑Formate an: Sie nutzen diese Überflutung als Tor zu kathartischen Erfahrungen.

Ich stelle das nicht grundsätzlich infrage. Es gibt Räume, in denen solche Methoden bewusst, achtsam und gut eingebettet eingesetzt werden. Aber für den durchschnittlichen, chronisch gestressten Menschen, der einmal pro Woche 60 Minuten Yoga macht und ansonsten im Alltag am Limit läuft, sind solche Techniken aus meiner Sicht oft kontraproduktiv.

Feuer fürs Nervensystem – oder für die Show?

Aus meiner persönlichen Erfahrung – mit Trauma, PTBS, Zwerchfell‑Kollaps – und meiner Ausbildung mit funktioneller Atmung sehe ich mehrere Problemfelder:

Trend zur Spektakel‑Praxis
In vielen Klassen scheint „mehr“ gleich „besser“ zu sein: lautere Atemgeräusche, schnellere Feueratmung, intensivere Sequenzen. Das Nervensystem wird zur Bühne für spektakuläre Erfahrungen, nicht zuerst als etwas betrachtet, das Stabilität braucht.

Fehlende Kontextualisierung
Starke Techniken werden nicht selten ohne klare Trauma‑Sensibilität, ohne Aufklärung und ohne Differenzierung unterrichtet. Menschen mit Angststörungen, PTBS, Herz‑Kreislauf‑Problemen oder chronischer Überatmung landen im selben Topf wie alle anderen.

Verwechslung von Rausch und Regulation
Die Euphorie direkt nach einer Hyperventilation wirkt schnell wie Heilung. Für den Körper ist es jedoch häufig ein Ausnahmezustand. Viele kehren danach in dieselben dysfunktionalen Atemmuster zurück – oder sind sogar sensibler für Übererregung.

Push‑Kultur im Nervensystem
Unsere Gesellschaft pusht Menschen ohnehin permanent: mehr Leistung, mehr Output, mehr Selbstoptimierung. Wenn Atempraxis dann noch als „Mind‑Hack“ oder „Transformationstrip“ verkauft wird, bleibt wenig Raum für echte Regeneration.

Ein erschöpftes Pferd würden wir im gesunden Zustand nicht weiter peitschen.
Warum tun wir das so selbstverständlich mit unserem Nervensystem?

Unser Lebensstil und seine Atemmuster

Ein Gedanke aus meiner aktuellen Pranayama‑Ausbildung hat mich besonders berührt:

Im Bauch unserer Mutter sind wir eingebettet – mühelos atmend, gehalten.
Ab einem gewissen Alter beginnen wir, unsere Umgebung immer stärker zu spiegeln. Wir übernehmen nicht nur Worte und Verhalten, sondern auch Atemmuster und Stressreaktionen.

Mit diesem Blick wird klar:
Dysfunktionale Atmung ist kein individuelles Versagen.

Wir übernehmen Atemmuster aus unserem Umfeld: aus Stress, Anspannung, unausgesprochenen Sorgen, ungelösten Geschichten. In einer Gesellschaft, in der kaum jemand bewusst auf seine Atmung achtet – weder im Alltag noch im medizinischen System, das oft Volumen, aber selten Muster betrachtet –, fehlen uns Modelle für ruhigen, funktionellen Atem.

Bevor wir mit Feuer, Hyperventilation und spektakulären Atemreisen arbeiten, lohnt es sich deshalb, unsere Basis überhaupt erst kennenzulernen:

  • Wie fühlt sich meine Atmung an, wenn ich einfach sitze?

  • Wie schnell atme ich?

  • Bin ich eher im Brustkorb oder im Bauch unterwegs?

  • Kommt mein Atem hörbar durch den Mund oder leise durch die Nase?

Ohne diese Bewusstheit ist jede starke Technik wie ein Turbo auf ein Auto, dessen Fahrwerk man nie überprüft hat.

Was ich heute als sinnvollen ersten Schritt sehe

Aus all dem heraus hat sich mein Ansatz verschoben.

Ich glaube nicht, dass Pranayama oder Breathwork schlecht sind. Ich glaube aber sehr deutlich, dass sie in unserer Zeit anders priorisiert werden sollten.

Zuerst: funktionelle, ruhige Atmung als Basis

  • Nasenatmung im Alltag.

  • Zwerchfell‑Nutzung statt reine Brustatmung.

  • Leiser, müheloser Atem, der das Nervensystem beruhigt.

  • Atemfrequenz, die dem System hilft, zu regulieren.

  • CO₂‑Toleranz, die Schritt für Schritt wächst.

Dann: Bewegung, Yoga, Meditation auf diese Basis stellen

  • Asana‑Praxis mit ruhig geführtem Atem statt Sound‑Show.

  • Meditation unterstützt durch leise, gleichmässige Atmung.

  • Bewegung als regulierendes Mittel, nicht als weiterer Ort des Funktionierens.

Und erst später: ausgewählte Intensivtechniken

  • Feuer‑Pranayamas, tiefe Breathwork‑Formate, transpersonale Reisen als bewusste Spezialwerkzeuge – mit klaren Kontraindikationen, Aufklärung und Alternativen für sensible Systeme.

Aus dieser Haltung heraus formt sich bei mir gerade eine eigene Methodik: ruhige, funktionelle und nervensystemfreundliche Atmung als Fundament für Yoga, Sport, Meditation und Alltag. Sie ist das Ergebnis meiner eigenen Geschichte mit Pranayama‑Konflikten, einem Messerangriff, PTBS, Zwerchfell‑Kollaps – und der rettenden Erfahrung, über funktionelle Atmung wieder im eigenen Körper ankommen zu dürfen.

Ein anderer Weg mit Atem – gerade jetzt

Wir leben in einer Gesellschaft, die erschöpft ist und gleichzeitig nach „mehr“ sucht: mehr Leistung, mehr Abenteuer, mehr Transformation. Dass Atemarbeit diesen Wunsch bedient, ist verständlich – Atem ist ein direkter Hebel ins Nervensystem.

Gerade deshalb halte ich es für wichtig, ihn mit grosser Verantwortung einzusetzen.

Für mich ist Atem heute kein Werkzeug, um mich zu überfahren, sondern um mich zu halten. Kein Mittel für künstliche Gipfel, sondern eine Basis, auf die ich mich verlassen kann – im Yoga, im Alltag im Bus, nach Operationen, nach belastenden Ereignissen, in schlaflosen Nächten, in stillen Momenten.

Vielleicht sitzt du gerade wie ich damals auf dem Sofa.
Vielleicht bist du müde vom vielen Funktionieren und von Sessions, die dich noch weiter hochfahren sollen.

Dann möchte ich dir etwas Einfaches mitgeben:
Du musst deinen Atem nicht benutzen, um dich zu überholen.
Du darfst ihn benutzen, um dich nach Hause zu bringen.

Genau dort beginnt für mich heute jede Praxis – ob Yoga, Meditation oder Atemtraining:
bei einem Atem, der nicht spektakulär ist, aber ehrlich, tragend und leise genug, dass du dich darin ausruhen kannst.