Wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass mein Atem das eigentliche Fundament meiner Gesundheit ist, hätte ich vermutlich genickt und gedacht: „Ja klar. Atmen ist wichtig.“
Und mich dann wieder dem zugewandt, was in meiner Welt wichtiger schien: Sport, Yoga, Meditation, gesunde Ernährung, Regeneration – all den Dingen, die wir tun, wenn wir uns etwas Gutes tun wollen.
Über viele Jahre habe ich genau das gemacht. Und trotzdem begleitete mich etwas, das ich nie wirklich verstand: ein dauerhafter Druck auf der Brust. Das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können. Als wäre irgendwo eine Handbremse angezogen. Nicht dramatisch – aber immer da.
„Alles unauffällig“ – und trotzdem stimmt etwas nicht
Natürlich liess ich das abklären. Mehrfach. Zeitweise war ich sicher, Asthma zu haben.
Die Untersuchungen waren unauffällig: Lunge gesund, Atemvolumen normal, kein klarer Befund. Auf dem Papier war alles in Ordnung – nur mein Körper erzählte eine andere Geschichte.
Also suchte ich weiter.
Wie ich jahrelang am Dach gearbeitet habe
Je länger ich heute darauf zurückblicke, desto erstaunlicher finde ich etwas anderes:
Ich beschäftigte mich jahrelang mit Gesundheit. Ich praktizierte Yoga. Ich absolvierte eine Yogaausbildung. Ich lernte Entspannungstechniken. Ich meditierte.
Aber eine Frage stellte ich mir nie wirklich:
Wie atme ich eigentlich – nicht in der Theorie, sondern in meinem Alltag, in meinem Körper?
Stattdessen glaubte ich das, was viele glauben: Tiefer atmen ist automatisch gesund. Je mehr Luft, desto besser. Hörbare Atmung ist ein Zeichen für eine „gute“ Atmung.
Ich erinnere mich gut an Yogastunden irgendwo auf Reisen:
„Tiiiiiiief einatmen.“ – „Und jetzt alles raus … schhhhhhh.“
Die gesamte Klasse klang, als würden wir gemeinsam einen Heissluftballon starten. Damals dachte ich: Das muss Entspannung sein. Und vor allem: Atem muss hörbar sein.
Heute weiss ich: Für ein ohnehin gestresstes Nervensystem kann genau diese Form von „mehr, grösser, lauter“ das Gegenteil von Entlastung sein.
Ich hatte jahrelang am Dach gearbeitet – an Schlaf, Energie, Belastbarkeit, Regeneration.
Aber das Fundament schaute ich nie an.
Wenn Pranayama und Breathwork mehr fordern als helfen
Rückblickend merke ich, wie sehr ich auch in Atemtechniken genau diese „Mehr ist besser“-Logik übernommen habe.
Beim Bienensummen zum Beispiel holte ich vorher möglichst grosse Atemzüge durch den Mund, um extra lange summen zu können. Es fühlte sich an, als würde ich „richtig etwas tun“ – und gleichzeitig zog ich mein System damit immer wieder in eine Form von Überatmung: viel Luft, wenig Ruhe.
Ähnlich erging es mir mit kraftvollen Techniken wie dem „Schädelleuchten“. Ich wurde dabei ohnmächtig. Niemand konnte mir erklären, warum – weder im Unterricht noch in der Ausbildung.
Heute weiss man:
Intensive, schnelle Atemtechniken in Kombination mit grossen Atemzügen und/oder langen Atempausen können zu starker Hyperventilation und deutlichen CO₂‑Abfällen führen. Die möglichen Folgen reichen von Schwindel, Kribbeln, Benommenheit bis hin zu kurzen Ohnmachtsanfällen.
Viele klassische Pranayama‑Formen haben ihren Platz – aber sie wurden ursprünglich unter Bedingungen entwickelt, die mit unserem heutigen Alltag wenig zu tun haben: andere Lebensweise, andere Belastungen, andere Vorerfahrungen.
Gerade intensive Praktiken mit forcierter Atmung, sehr schnellen Zyklen oder langen Atemanhalten werden in der Fachliteratur immer wieder mit klaren Kontraindikationen genannt, zum Beispiel bei Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen, Bluthochdruck, Panikstörungen oder bestimmten neurologischen Themen.
In der Praxis erlebe ich heute viele Menschen – besonders Yogis –, denen es ähnlich geht wie mir:
Sie haben jahrelang geatmet, gehalten, gepumpt, geblasen, manchmal bis zur Trance. Und doch fühlen sie sich im Alltag nicht ruhiger, sondern oft empfindlicher, schneller erschöpft oder innerlich aufgebracht.
Nicht, weil sie „etwas falsch gemacht“ hätten, sondern weil ein wesentlicher Baustein oft fehlt:
ein grundlegendes Verständnis der Atemphysiologie und des Nervensystems.
Die Erkenntnis: Die Lunge war nicht das Problem
Unser Atem begleitet uns jede Minute unseres Lebens – im Alltag, im Sport, im Schlaf, im Stress, in der Regeneration. Immer.
Irgendwann wurde mir klar:
Meine Lunge war nie das Problem.
Meine Art zu atmen war es.
In diesem Moment ergaben viele Puzzleteile Sinn: der Druck auf der Brust, die ständige Suche nach dem „nächsten Werkzeug“, dieses diffuse Gefühl, dass trotz all meiner Bemühungen etwas fehlt.
Vielleicht war genau dieses Gefühl der Grund, warum ich nie aufgehört habe, weiterzusuchen.
Nicht, weil Yoga falsch war. Nicht, weil Meditation falsch war. Nicht, weil Sport falsch war.
Im Gegenteil: All diese Wege haben mich letztlich dorthin geführt, wo ich heute bin. Sie waren nur nicht die Antwort auf alles. Etwas Grundlegendes wollte verstanden werden: mein Atem.
Was funktionelle Atmung anders macht
Als ich begonnen habe, mich mit funktioneller Atmung zu beschäftigen, veränderte sich die Perspektive.
Im Zentrum standen plötzlich nicht mehr spektakuläre Techniken, sondern einfache Fragen:
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Wie atme ich in Ruhe – wenn ich nicht bewusst darauf achte?
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Bin ich eher Nasen‑ oder Mundatmerin?
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Wie schnell ist mein Atem in Alltagssituationen?
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Wie reagiert mein Atem auf Stress – und wie schnell findet er wieder in die Ruhe zurück?
In der funktionellen Atmung geht es nicht darum, möglichst dramatisch zu atmen oder besondere Zustände zu produzieren.
Es geht darum, dass dein Atem:
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überwiegend durch die Nase fliesst
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vom Zwerchfell getragen wird
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in Ruhe nicht mehr Luft bewegt als nötig
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und flexibel zwischen Belastung und Erholung wechseln kann
Gerade wenn jemand viel Pranayama oder Breathwork gemacht hat, ist dieser Schritt oft überraschend: Plötzlich geht es darum, weniger zu forcieren und mehr zu beobachten – und das Nervensystem wirklich zu regulieren, statt es immer wieder künstlich hoch‑ und herunterzufahren.
Als das Fundament sich verändert hat
Als mein Zwerchfell langsam wieder begann, seine eigentliche Arbeit zu übernehmen, veränderte sich etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt.
Der Druck auf der Brust begann sich zu lösen. Nicht über Nacht. Nicht spektakulär. Aber spürbar.
Manchmal sitze ich heute während meiner Atempraxis einfach da und staune:
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weil etwas, das mich fast mein gesamtes Erwachsenenleben begleitet hat, ruhiger geworden ist
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weil mein Körper langsam versteht, dass er nicht ständig kämpfen muss
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weil ich rückblickend merke, dass ich all die Jahre wahrscheinlich gar nicht nach der „perfekten Methode“ gesucht habe
Ich habe nach dem Fundament gesucht.
Ohne zu wissen, dass es die ganze Zeit direkt unter meiner Nase lag.
Wo Pranayama und Breathwork trotzdem ihren Platz haben
Mir ist wichtig: Das ist kein Plädoyer gegen Yoga, Pranayama oder moderne Breathwork‑Formate.
Viele Menschen erleben damit wertvolle Erfahrungen, Entlastung, Zugang zu Emotionen oder vertiefte Meditation.
Entscheidend ist für mich heute:
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Intensivere Atemtechniken gehören auf ein Fundament aus funktioneller Atmung.
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Menschen sollten wissen, was im Körper passiert – besonders in Bezug auf CO₂, Blutchemie und Nervensystem.
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Kontraindikationen und Sicherheitsaspekte sollten klar benannt werden (z.B. Herz‑Kreislauf‑Themen, starke psychische Belastung, Schwangerschaft, bestimmte Atemwegserkrankungen).
Wenn diese Basis fehlt, kann etwas gut Gemeintes schnell kippen.
Wenn sie da ist, können ausgewählte Atemtechniken eine sinnvolle Ergänzung sein – statt unbewusst zum Stressverstärker zu werden.
Und du?
Kennst du dieses Gefühl von Druck auf der Brust, Enge oder dem Bedürfnis, ständig tief durchatmen zu müssen?
Vielleicht hast du auch schon Atemübungen gemacht und dich gefragt, warum du dich danach eher „durchgeschüttelt“ als wirklich reguliert fühlst.
Vielleicht ist dein Körper nicht „falsch“.
Vielleicht zeigt er dir, dass es sich lohnt, zuerst einen Blick auf dein Fundament zu werfen – auf deine Atmung im Alltag.
Hinweis:
Dieser Beitrag beschreibt meine persönliche Erfahrung im Umgang mit Atmung, Yoga und Gesundheit und verbindet sie mit Grundlagen aus der funktionellen Atmung und aktueller Literatur zu Pranayama‑ und Breathwork‑Praktiken. Er ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Abklärung, kann dir aber Impulse geben, eigene Atemmuster und den Umgang mit intensiven Atemtechniken bewusster einzuordnen.