...und kaum jemand benutzt ihn.
Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass ich einmal einen Blogartikel schreiben würde, der praktisch eine Liebeserklärung an die Nase ist, hätte ich vermutlich gelacht. Als gelernte Augenoptikerin habe ich diese über viele Jahre vor allem als praktischen Brillenträger betrachtet. Die Nase war das Ding mitten im Gesicht, auf dem die Brille sass. Und der grösste Teil meiner Aufmerksamkeit galt der Frage, wie ich eine Fassung so einstellen konnte, dass sie möglichst nicht drückte. Mehr Gedanken habe ich mir darüber ehrlich gesagt kaum gemacht. Dabei ist das eigentlich erstaunlich. Wir verbringen viel Zeit damit, unsere Gesundheit zu optimieren. Wir beschäftigen uns mit Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stressmanagement und Nahrungsergänzungsmitteln.
Manche Menschen kaufen Luftreiniger für ihre Wohnung, Pollenfilter fürs Auto oder Geräte, die die Luftqualität im Schlafzimmer überwachen. Ich will nicht sagen, dass dies per se schlecht ist - aber gleichzeitig benutzen viele von uns den allerbesten Luftfilter, den sie jemals besitzen werden, erstaunlich selten: ihre Nase.
Mich eingeschlossen - früher. Nicht eine einzige Sekunde meines Lebens habe ich mich gefragt, warum Mundatmung überhaupt problematisch sein könnte. Nicht im Alltag. Nicht beim Sport. Nicht während meiner Yogaausbildung. Nicht während zahlloser Atemübungen. Wenn jemand sagte: «Hol tief Luft», machte ich genau das, was vermutlich die meisten Menschen tun. Ich öffnete den Mund und versuchte möglichst viel Luft in möglichst kurzer Zeit einzuatmen. Je grösser der Atemzug, desto besser. So dachte ich zumindest. Und ganz ehrlich: Ich war damit nicht allein. Wenn wir heute jemandem sagen würden, er solle möglichst wenig Luft bewegen, würden die meisten Menschen vermutlich denken, wir hätten den Verstand verloren. Schliesslich gilt in unserer Vorstellung bis heute: Viel Luft ist gut. Mehr Luft ist besser. Und ganz viel Luft muss dann logischerweise besonders gesund sein.
Genau hier beginnt allerdings einer der grössten Irrtümer rund um die Atmung. Denn unser Körper interessiert sich erstaunlich wenig dafür, wie beeindruckend ein Atemzug aussieht. Er interessiert sich vielmehr dafür, wie effizient er ist. Mein Kollege Professor CO₂ bekommt bei diesem Thema regelmässig graue Locken mehr. Während Sauerstoff in Gesundheitsbüchern oft als grosser Held gefeiert wird, sitzt Professor CO₂ etwas beleidigt in der Ecke und wartet darauf, dass ihm endlich jemand zuhört. Dabei übernimmt er eine der wichtigsten Aufgaben im gesamten Atemsystem. Doch bevor wir zu ihm kommen, lohnt sich ein Blick auf die Nase. Denn die meisten von uns haben keine Ahnung, was dieses Organ den ganzen Tag eigentlich alles leistet.
Die Nase ist nämlich weit mehr als ein dekoratives Anhängsel mitten im Gesicht. Sie ist eine hochspezialisierte Aufbereitungsanlage. Jeder Atemzug, der durch die Nase strömt, wird gefiltert, befeuchtet, erwärmt und reguliert. Staubpartikel, Pollen, Schmutz und andere Fremdstoffe bleiben bereits auf dem Weg zur Lunge hängen. Trockene Luft wird angefeuchtet. Kalte Luft wird auf Körpertemperatur gebracht. Gleichzeitig wird der Atemstrom verlangsamt, was dem gesamten Atemsystem zugutekommt. Als wäre das nicht genug, produziert die Nase auch noch Stickstoffmonoxid. Ein kleines Molekül mit erstaunlich grosser Wirkung, das unter anderem die Sauerstoffaufnahme in der Lunge unterstützt. Je länger ich mich mit funktioneller Atmung beschäftige, desto mehr komme ich zum Schluss, dass die Nase vermutlich eines der am meisten unterschätzten Organe unseres Körpers ist. Sie arbeitet rund um die Uhr, erledigt dutzende Aufgaben gleichzeitig und bekommt dafür ungefähr so viel Aufmerksamkeit wie die Bedienungsanleitung eines WLAN-Routers.
Der Mund dagegen hat eine andere Aufgabe. Und damit wir uns richtig verstehen: Der Mund ist nicht der Bösewicht dieser Geschichte. Er ist wichtig. Er ist sinnvoll. Und manchmal sogar unverzichtbar. Wenn wir sprinten, lachen, sprechen oder wenn die Nase tatsächlich verstopft ist, übernimmt er seinen Job hervorragend. Das Problem beginnt erst dann, wenn aus einer Notlösung eine Gewohnheit wird. Ich stelle mir das gerne wie ein Gebäude vor. Die Nase ist der Haupteingang. Dort gibt es Empfangspersonal, Sicherheitskontrolle, Heizung, Klimaanlage und alles, was man braucht, damit Besucher sicher ankommen. Der Mund dagegen ist der Notausgang. Praktisch, wenn es schnell gehen muss. Aber niemand würde freiwillig jeden Tag durch den Notausgang ins Büro gehen, wenn direkt daneben ein perfekt funktionierender Haupteingang vorhanden ist.
Je tiefer ich in das Thema eintauchte, desto mehr begann ich zu verstehen, warum so viele Menschen das Gefühl haben, nicht richtig durchatmen zu können. Warum sie ständig seufzen. Warum sie das Bedürfnis haben, immer wieder tief Luft zu holen. Warum sie manchmal das Gefühl haben, ihnen fehle etwas. Die logische Schlussfolgerung lautet meistens: Ich brauche mehr Luft. Professor CO₂ schüttelt an dieser Stelle jeweils energisch den Kopf. Denn oft fehlt gar keine Luft. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall. Viele Menschen bewegen mehr Luft, als ihr Körper eigentlich benötigt. Das klingt zunächst absurd, denn wir wurden jahrzehntelang darauf konditioniert zu glauben, dass Sauerstoff die Hauptfigur dieser Geschichte sei. Doch unser Körper funktioniert raffinierter.
Stell dir vor, Sauerstoff wäre ein Bus voller Passagiere. Diese Passagiere müssen an ihren Zielorten ankommen: in den Muskeln, im Gehirn, in den Organen und im restlichen Gewebe. Professor CO₂ übernimmt dabei die Rolle des Verkehrsplaners. Er sorgt dafür, dass die Türen an den richtigen Haltestellen geöffnet werden. Ist zu wenig CO₂ vorhanden, kann Sauerstoff zwar weiterhin durch den Körper transportiert werden, wird aber weniger effizient dort abgegeben, wo er gebraucht wird. Genau deshalb ist CO₂ nicht einfach ein lästiges Abfallprodukt, das möglichst schnell entsorgt werden sollte. Es erfüllt wichtige Aufgaben im gesamten System. Je mehr ich darüber lernte, desto faszinierter war ich. Ausgerechnet das Gas, das wir seit Jahrzehnten als unerwünschten Reststoff betrachten, spielt eine zentrale Rolle für eine effiziente Sauerstoffversorgung.
Plötzlich ergaben viele Dinge Sinn. Nicht nur im Alltag. Auch beim Schlaf, bei der Regeneration und beim Sport. Denn Atmung findet nicht nur dann statt, wenn wir bewusst auf sie achten. Sie begleitet uns jede einzelne Minute unseres Lebens. Auch nachts. Vielleicht sogar besonders nachts. Wer regelmässig mit offenem Mund schläft, wacht häufig mit trockenem Mund auf. Manche Menschen schnarchen. Andere fühlen sich trotz ausreichend Schlaf erstaunlich wenig erholt. Natürlich hat Schlaf viele Einflussfaktoren. Aber die Art und Weise, wie wir während sechs, sieben oder acht Stunden jede Nacht atmen, spielt eine deutlich grössere Rolle, als viele vermuten.
Dasselbe gilt für den Sport. Lange Zeit glaubte ich, dass leistungsfähige Menschen einfach besonders grosse Atemzüge machen. Heute weiss ich, dass viele gut trainierte Ausdauersportler erstaunlich ruhig atmen. Nicht weil sie weniger leistungsfähig sind, sondern weil ihr Atemsystem effizienter arbeitet. Eine gute Atmung sieht oft überraschend unspektakulär aus. Man hört sie kaum. Man sieht sie kaum. Der Brustkorb springt nicht dramatisch auf und ab. Die Schultern tanzen nicht bei jedem Atemzug Richtung Ohren. Das Zwerchfell erledigt still seine Arbeit im Hintergrund. Fast langweilig. Und genau das macht es so faszinierend. Denn wir leben in einer Welt, in der sichtbar oft mit gut verwechselt wird. Wer laut atmet, wirkt engagiert. Wer grosse Atemzüge macht, wirkt gesund. Wer hörbar schnauft, wirkt leistungsbereit.
Die Physiologie interessiert sich allerdings herzlich wenig für Showeffekte. Sie interessiert sich für Effizienz.
Vielleicht ist genau das die grösste Erkenntnis, die ich in den letzten Jahren gewonnen habe. Gute Atmung muss nicht spektakulär aussehen. Sie muss nicht laut sein. Sie muss nicht beeindrucken. Sie muss funktionieren. Und vielleicht beginnt dieses Funktionieren viel früher, als wir denken. Nicht bei einer komplizierten Atemtechnik. Nicht bei einer App. Nicht bei einem Gadget. Nicht bei einem weiteren Gesundheits-Hack. Sondern bei einer Nase, die ihre Arbeit machen darf.
Heute sitze ich manchmal da und staune darüber, wie selbstverständlich ich dieses Organ jahrzehntelang übersehen habe. Dabei war es die ganze Zeit da. Mitten in meinem Gesicht. Während ich Yoga praktizierte. Während ich meditierte. Während ich Sport machte. Während ich nach Antworten suchte. Die Nase wartete geduldig auf ihren Einsatz. Und rückblickend erscheint mir das fast ein wenig komisch. Wir optimieren Schlaf, Ernährung, Training und Regeneration bis ins kleinste Detail. Gleichzeitig ignorieren wir häufig das System, das jeden einzelnen Atemzug vorbereitet, filtert, befeuchtet, erwärmt und reguliert.
Vielleicht hat die Nase deshalb diesen Blogartikel verdient. Und vielleicht beginnt funktionelle Atmung nicht mit der Frage, wie man besser atmet. Vielleicht beginnt sie mit einer viel einfacheren Frage:
Warum sollte ich durch den Mund atmen, wenn mein Körper die Nase eigens dafür gebaut hat?